Vor 100 Jahren: Als Hunderte zu den Markgrafensteinen in die Rauener Berge pilgerten
Am 2. Juni 1926 pilgerten Hunderte Menschen aus Fürstenwalde und Umgebung in die Rauener Berge. Der Anlass: ein großes Fest am Markgrafenstein, über das die Fürstenwalder Zeitung ausführlich berichtete. Was zog die Menschen damals zu diesen uralten Findlingen südlich der Stadt? Ein Blick zurück in die bewegte Geschichte eines der bedeutendsten Naturdenkmäler Brandenburgs.
Ein steinernes Wahrzeichen der Region
Die Markgrafensteine, bestehend aus dem Großen und dem Kleinen Markgrafenstein, sind die größten jemals in Brandenburg entdeckten Findlinge. Vor über 10.000 Jahren wurden die tonnenschweren Granitblöcke während der Eiszeit aus Skandinavien in die Rauenschen Berge transportiert. Der Große Markgrafenstein war mit einem geschätzten Gewicht von bis zu 750 Tonnen das größte Geschiebe Brandenburgs — ein echtes Naturwunder direkt vor den Toren Fürstenwaldes.
Doch ausgerechnet seine Größe wurde ihm zum Verhängnis: 1827/1828 wurden mehrere Scheiben des Steins abgespalten. Aus dem Mittelstück fertigte man noch vor Ort die berühmte Granitschale, die heute vor dem Alten Museum im Berliner Lustgarten steht. Der Transport der 70 bis 80 Tonnen schweren Schale an die Spree war eine technische Meisterleistung: Eine eigens angelegte Trasse, Holzrollen und ein Lastkahn machten die Reise nach Berlin möglich. Der Restblock blieb als Überbleibsel des Großen Markgrafensteins erhalten. Seitdem ist der Kleine Markgrafenstein mit rund 180 Kubikmetern Volumen der größte landliegende Findling Norddeutschlands.
Goethe und Fontane: Zwei Dichter an einem Stein
Die Markgrafensteine zogen nicht nur Wanderer und Naturliebhaber an, sondern auch große Geister ihrer Zeit. Johann Wolfgang von Goethe befasste sich 1828 intensiv mit den „erratischen Blöcken“ und ließ sich vom Maler Julius Schoppe eine Lithografie des Steins anfertigen. Der Dichterfürst, überzeugter Neptunist, war sicher: „Mir mache man aber nicht weis, dass die in den Oderbrüchen liegenden Gesteine, dass der Markgrafenstein bei Fürstenwalde weit hergekommen sei; an Ort und Stelle sind sie liegen geblieben.“
Weniger begeistert zeigte sich Theodor Fontane, der die Steine in den 1880er Jahren besuchte. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ verglich er die Findlinge enttäuscht mit „toten zusammengekauerten Elefanten“ — er hatte sich etwas Monumentaleres erhofft. Dennoch trugen seine Schriften dazu bei, die Markgrafensteine weit über die Region hinaus bekannt zu machen.
Das Fest von 1926: Hunderte pilgerten in die Berge
Die Fürstenwalder Zeitung berichtete am 2. Juni 1926 von einem großen Fest am Markgrafenstein, zu dem Hunderte Menschen aus der Stadt und dem Umland in die Rauener Berge strömten. Es war die Zeit der Weimarer Republik, eine Ära voller Umbrüche, in der die Menschen den Ausflug in die Natur und das Gemeinschaftserlebnis suchten. Der Große Markgrafenstein war damals bereits verkleinert, aber immer noch ein imposanter Anziehungspunkt.
Die Rauenschen Berge — mit 152 Metern die höchste Erhebung im weiten Umkreis — boten den Besuchern eine willkommene Abwechslung vom Alltag. Der steinerne Tisch und die steinernen Bänke am ehemaligen Aussichtspunkt, gefertigt aus der äußersten Scheibe des Großen Markgrafensteins, luden zum Verweilen ein. Von hier reichte der Blick über die märkische Landschaft bis nach Fürstenwalde.
Ein Ausflugsziel mit Sagen und Legenden
Die Markgrafensteine sind nicht nur ein geologisches Phänomen, sondern auch reich an Geschichten. Sage berichtet von einer Prinzessin, die der Teufel im Stein gefangen hielt und deren klägliches Winseln Wanderer noch lange zu hören glaubten. Eine andere Überlieferung will das Grab des Falschen Woldemar bei den Steinen verorten — daher, so heißt es, stamme auch der Name Markgrafenstein. Spekuliert wird zudem, ob sich hier der Heilige Hain der Semnonen befand, jenes germanischen Stammes, der einst die Region besiedelte.
2006 wurden die Markgrafensteine in die Liste der 77 Nationalen Geotope Deutschlands aufgenommen — eine verdiente Auszeichnung für diese steinernen Zeugen der Erdgeschichte, die seit Jahrtausenden die Region prägen.
Heute: Ein lohnendes Ziel für Wanderer
100 Jahre nach dem großen Fest von 1926 sind die Markgrafensteine noch immer ein beliebtes Ausflugsziel. Die Rauenschen Berge liegen nur wenige Kilometer südlich von Fürstenwalde und sind über gut ausgeschilderte Wanderwege erreichbar. Vom Kleinen Markgrafenstein aus kann man den steinernen Tisch erkunden und die Ruhe der märkischen Natur genießen. Ein Besuch lohnt sich zu jeder Jahreszeit — und vielleicht denkt der eine oder andere Wanderer an jenem 2. Juni daran zurück, dass vor genau 100 Jahren Hunderte Menschen vor diesen Steinen standen und ein Fest feierten, das in die Lokalgeschichte einging.
























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