Julius Pintsch: Der Mann, der Fürstenwalde industrialisierte
Fürstenwalde, 7. November 2026 – Heute ist die Stadt vor allem als Domstadt und Wohnstandort bekannt. Doch vor gut 150 Jahren begann hier etwas, das Fürstenwalde für Jahrzehnte prägen sollte: die Industrialisierung durch einen Mann, der als Klempnergeselle startete und zum Großindustriellen wurde. Julius Pintsch – ein Name, der heute noch in Fürstenwalde lebt.
Vom Klempnergesellen zum Fabrikbesitzer
Julius Carl Friedrich Pintsch wurde am 6. Januar 1815 in Berlin geboren. Nach einer Klempnerlehre ging er auf Wanderschaft, kehrte zurück und legte die Meisterprüfung ab. Am 26. April 1843 eröffnete er eine kleine Werkstatt am Stralauer Platz in Berlin. Die Stadt plante gerade den Aufbau einer Gasversorgung für die Straßenbeleuchtung – und Pintsch bekam Reparaturaufträge von den Berliner Gaswerken.
Das war der Startschuss für eine beispiellose Karriere. 1847 stellte er seinen ersten eigenen Gasmesser vor. Die Qualität überzeugte, die Nachfrage stieg. 1848 erwarb Pintsch ein Haus und ließ eine Fabrik errichten. 1863 folgte ein weiteres Fabrikgebäude in der Andreasstraße, später ein fünfgeschossiges Verwaltungs- und Produktionsgebäude.
Die Expansion nach Fürstenwalde
1872, also vor über 150 Jahren, eröffnete Julius Pintsch ein Zweigwerk in Fürstenwalde. Die Wahl fiel auf die Stadt an der Spree aus gutem Grund: Fürstenwalde lag verkehrsgünstig, hatte Platz für Industrieanlagen und bot günstige Bedingungen für einen wachsenden Betrieb.
1890 wurde das Werk um die Glühlampenfabrik Gebrüder Pintsch erweitert. In den 1930er Jahren beschäftigte die Fabrik in Fürstenwalde rund 12.000 Mitarbeiter – eine enorme Zahl für eine Stadt dieser Größe. Die Produktpalette reichte von Gaszählern über Beleuchtungsanlagen für Eisenbahnwaggons bis hin zu Schwimmbojen für die Seefahrt.
Das Pintsch-Gas-System: Revolution der Beleuchtung
Die Entwicklung des sogenannten Pintsch-Gas-Systems war ein Meilenstein. Pintsch gelang es, ein aus tierischen und pflanzlichen Fetten hergestelltes Ölgas zu entwickeln, das für die Beleuchtung in Eisenbahnwaggons geeignet war. Das Gas ließ sich komprimieren, brauchte weniger Volumen als herkömmliches Kohlengas und ermöglichte eine gleichmäßige Beleuchtung auf langen Strecken.
Die ersten Versuche fanden Ende der 1860er Jahre statt, unterbrochen durch den Deutsch-Französischen Krieg. 1871 wurden die ersten Beleuchtungsanlagen in Waggons der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn installiert. Das System verbreitete sich schnell – und Pintsch wurde zum Lieferanten für Eisenbahngesellschaften in ganz Europa.
Die Pintsch-Bojen: Weltweit im Einsatz
Ein weiterer Erfolgszweig waren die berühmten Pintsch-Bojen. 1877 wurde die erste Leuchtboje in der Kronstädter Bucht ausgelegt. Bis 1908 gab es bereits 2.396 Pintsch-Bojen an den Küsten und Wasserstraßen aller Weltmeere – darunter 105 Bojen für den Suezkanal, die erstmals eine nächtliche Durchfahrt ermöglichten.
Auch Leuchttürme wurden von der Firma Julius Pintsch gebaut – darunter der lichtstärkste Leuchtturm Mecklenburg-Vorpommerns auf der Insel Greifswalder Oie. Die Bojen und Leuchttürme wurden in Fürstenwalde gefertigt, was der Stadt den Ruf als Zentrum der Seefahrtsausrüstung einbrachte.
Von der Kommanditgesellschaft zur Aktiengesellschaft
Nach dem Tod von Julius Pintsch am 20. Januar 1884 in Fürstenwalde führten seine Söhne Richard, Oskar, Julius und Albert das Unternehmen fort. 1907 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die Julius Pintsch AG, mit einem Stammkapital von 18 Millionen Mark.
Das Unternehmen überstand die Krisen der 1870er und 1890er Jahre, expandierte international und wurde schließlich zu einem der führenden Hersteller von Gas- und Beleuchtungstechnik weltweit. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Enteignung in Fürstenwalde, doch Teile des Unternehmens lebten in Berlin und später in den Niederlanden als Pintsch Aben B.V. weiter.
Spuren in Fürstenwalde: Wo heute noch Pintsch zu finden ist
Die Spuren Julius Pintschs sind in Fürstenwalde allgegenwärtig. Der Julius-Pintsch-Ring und die Pintsch-Brücke erinnern an den Firmengründer. Die ehemaligen Fabrikgebäude prägen noch heute das Stadtbild – teilweise denkmalgeschützt, teilweise anderweitig genutzt.
Das Familiengrab der Pintschs befindet sich auf dem St.-Georgenfriedhof in Berlin-Prenzlauer Berg – ein imposanter dorischer Tempel, der an die Bedeutung der Familie erinnert. In Fürstenwalde selbst lebt der Name Pintsch vor allem in der Geschichte der Stadt fort: als der Mann, der aus einer Kleinstadt an der Spree einen Industriestandort von nationaler Bedeutung machte.
Fazit: Von Fürstenwalde in die Welt
Julius Pintsch war mehr als nur ein erfolgreicher Unternehmer. Er war ein Pionier der Industrie, ein Erfinder, der das Leben von Millionen Menschen veränderte – von der Gasbeleuchtung in Eisenbahnwaggons bis zur sicheren Seefahrt durch beleuchtete Bojen. Fürstenwalde war dabei nicht nur Produktionsstandort, sondern auch sein letzter Wohnort.
Für heutige Besucher und Bewohner der Stadt ist die Geschichte von Julius Pintsch ein faszinierendes Kapitel: Sie zeigt, wie eine Kleinstadt an der Spree durch den Mut und das Geschick eines einzelnen Mannes zum Zentrum der industriellen Welt werden konnte. Und sie erinnert daran, dass auch heute in Fürstenwalde noch Innovationen entstehen können – genau wie vor 150 Jahren.

























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